Gondsroth und seine Kirche im Kirchenspiel Niedermittlau

1. Das Kirchenspiel Niedermittlau

Am 01.01.1965 erlosch mit der Gründung der selbstständigen Kirchengemeinde Neuenhaßlau und der Angliederung der nahegelegten Filialkirche Gondsroth an dieser neuen Gemeinde das uralte Kirchenspiel Niedermittlau, das zu Zeiten seiner größten Ausdehnung die Gemeinden Gondsroth, Hailer, Neuenhaßlau, Niedermittlau und Meerholz, sowie den untergegangenen Weiler Laubersbach nahe Neuenhaßlau umfasste.

Die drei Orte Gondsroth, Neuenhaßlau und Niedermittlau aus dehnen das Kirchenspiel in seiner letzten Ausprägung bestand, bilden heute die Gemeinde Hasselroth.

Was ist ein Kirchenspiel ?

Es ist ein Verband von Gemeinden mit einer einzigen Haupt- oder Pfarrkirche, dem Amtssitz des Pfarrers. Lag die Pfarrkirche in einer der Gemeinden, nannte sich das Kirchenspiel meist nach diesem Ort, in vorliegenden Fall nach Niedermittlau.

Wie die Karte zeigt, deckt sich das Gebiet des früheren Kirchenspiels fast genau mit den heutigen Verwaltungsgrenzen der früheren Gemeinden Gondsroth, Neuenhaßlau, Niedermittlau, Meerholz und Hailer. Nach Langenselbold, Rothenbergen und Gelnhausen bilden alte Kinzigläufe die Grenze. Vom Buchberg zum Käfernberg wird Rotenbacher Gebiet berührt. Zwischen Käfernberg und Bernbach läuft die Grenze zum Freigericht, die auch die Konfessionsgrenze war. Hinter Bernbach beginnt die Linsengerichter Grenze, die zu Anfang der Neuzeit umstritten und neu festgelegt, hinter Lützelhausen entlang des Schandelbachs Richtung Kinzig verläuft.

Wie bildete sich dieses Kirchenspiel Niedermittlau ?

Es entstand innerhalb alter Kirchenverwaltungsgrenzen im Zuge des Wachsens der Bevölkerung. Unsere Region gehörte seit der frühmittelalterlichen Zeit zum Erzbistum Mainz, das in Archidiakonate, diese wiederum in Dekanate unterteilt waren. Dem Erzbistum unterstanden die Archidiakonate, den Dekanaten die Pfarrorte oder Pfarrbezirke. Die Archidiakonate standen zugleich meist Stiften innerhalb des Erzbistums vor. So war für den Großteil der Wetterau und dem Selbolder Sprengel der Probst des Mainzer Mariengredenstiftes zuständig, dessen Bezirk aus den Dekanaten Friedberg und Roßdorf bei Bruchköbel bestand. Dem Erzpriester und Dekan in Roßdorf unterstand der Pfarrer der uralten Selbolder Peterskirche, der Hauptkirche eines Kirchenspiels, das sich mit dem Gerichtsbezirk Selbold deckt, zu dem auch Gondsroth und Niedermittlau gehörte.

Graf Dietmar von Selbold gründete 1108 das dortige Kloster, dass uns 1139 als vollendete Stiftung entgegentritt. Als wichtigster Besitz wird die Selbolder Pfarrkirche St. Peter, nahe der Gründaufurt gelegen, genannt, die Hauptkirche des Kirchenspiels Selbold, zu dem das spätere Niedermittlauer  Kirchenspielgebiet gehörte. Selbold bildet ab diesem Zeitpunkt bis zur Reformation ein sogenanntes Kleinarchidiakonat. Der Selbolder Abt wird Archidiakon für das gesamte Gebiet des Urkirchenspiels Selbold und untersteht damit direkt dem Mainzer Erzbischhof. In der auf 1151 (gefälschten) Urkunde wird der Zustand von 1139 lediglich exakter, unter Nennung von Gondsroth und Niedermittlau ausformuliert. 1173 überträgt Kloster Selbold seiner um 1170 gegründeten Tochter, dem Nonnenkloster Meerholz den wichtigen Zehnt all seiner Besitzungen links der Kinzig, identisch mit dem gesamten späteren  Niedermittlauer Kirchenspielgebietes. Eine Kirche für die Bewohner des kleinen Dorfes Meerholz existierte wohl nie. Die Klosterkirche war den Dorfbewohnern verschlossen, sie mussten vor 1744 nach Niedermittlau zur Kirche gehen. 1207 wird Hailer erstmals urkundlich erwähnt. Kirchlich gehörte es zum Selbolder Archidiakonat, dessen nächste Kirche in Niedermittlau war. Relativ gesichert ist, dass dieser recht große Ort, bevor das Läuthäuschen errichtet wurde, keine eigene Kapelle besaß. 1219 taucht erstmals Neuenhaßlau in einer Urkunde auf. Eine Kapelle existierte zu dieser Zeit noch nicht. Die Bewohner werden, wie später auch nach Gondsroth zur Kirche gegangen sein. 1234 wird erstmals eine Kaplanstelle für die Kapelle in Gondsroth erwähnt, worüber auch das nächste Kapitel berichtet. 1298 verkauft der Patronatsherr der Niedermittlauer Kirche, Helfrich von Rüdigheim, das Patronat, d.h. das Recht eine Kirche zu besetzen, an das Kloster Meerholz, woraus ein dreihundert Jahre währender Rechtstreit zwischen den Klöstern Selbold und Meerholz resultierte, der erste Hinweis auf Sitz eines Pfarrers in Niedermittlau. 1343stiftet der Ritter Rudolf von Rückingen, der in Neuenhaßlau wohl einen Herrensitz unterhielt, die dortige Kapelle. Mit einem eigenen Geistlichen nicht ausgestattet. Hier musste auf den Pfarrer aus Niedermittlau oder den Kaplan von Gondsroth zurückgegriffen werden. Die Kapelle zu Neuenha0lau hatte bis etwar 1540 Bestand. Dann wurde sie im Zuge der Reformation aus Mangel an Geistlichen aufgegeben. 1338 wurde in Niedermittlau ein Priester erwähnt, der ein Vertreter des Klosters Meerholz präsentierte. 1361 taucht in Urkunden als "pherrer zu Mitela Herr Paulus, Priester" auf. 1373 wird für Niedermittlau mit Hartmann Olfer erstmals mit Sicherheit ein Pfarrer genannt. Ab diesem Datum werden für Niedermittlau bis zur Reformationszeit nur noch Pfarrer und Pfarrstellen erwähnt. Alle Pfarrer und Kapläne waren auch Konventualen des Klosters Selbold, der Niedermittlauer Pfarrer zugleich Seelsorger der Nonnen in Meerholz. 1525 wird Philipp Wohlgemut erster evangelischer Pfarrer des Kirchenspiels. Nach den Bauernkriegen, unter denen insbesondere Selbold sehr zu leiden hatte, gelangte unser Kirchenspielgebiet 1555 endgültig in den Besitz der Isenburger, die vorher schon die Klostervogtei innehatten. Das Kloster Meerholz wird zum Isenburgischen Schloß, die Klosterkirche wird Schloßkirche. Ab 1578 bildet das Gebiet unseres Kirchespiels das selbstständige Gericht Meerholz. Hauptort des Kirchenspiels mit Hauptsitz des Pfarres bleibt Niedermittlau. 1744 wird das Kirchenspiel Niedermittlau geteilt. Die Isenburger Herrschaft öffnet, wohl eine Auswirkung des aufgeklärten Absolutismus, den Hailerer und Meerholzer Untertanen die Schloßkirche und begründet damit das Kirchenspiel Meerholz, das Kirchenspiel Niedermittlau wird verkleinert. Allerdings müssen Meerholz und Hailer noch am Neubau der Niedermittlauer Kirche 1780 beteiligen. Endgültig werden alte Reallasten der Gemeinden Hailer und Meerholz zugunsten der Niedermittlauer Pfarrerei erst um 1880 abgelöst. 

 

2. Die Gondsrother Kirche

     Gondsrother Kirche um ca. 1880 (Ouelle: Bildarchiv Foto  Marburg)

Gondsroth  mit seiner Kapelle nahm im Niedermittlauer Kirchenspiel stets eine Sonderstellung ein. Vielleicht waren die Herren von Gundsrode hierfür verantwortlich, die als einzige der im 13. Jahrhundert im Kirchenspielgebiet aufkeimenden Adelsfamilien Bestand hatten. Siehe hierzu auch die "Geschichte der Herren von Gundsrode" .

1234 stifteten die Ritter Hertwig, Konrad und Simon von Gundsrode, drei Brüder, nach einem jahrzehntenlangen Streit als Sühne eine Hube Land sowie Fruchtabgaben von Korn und Hafer zur Unterhaltung einer Kaplanstelle für die Kapelle in Gondsroth. Empfänger war das Kloster Selbold, da der Kaplan gleichzeitig dem Selbolder Konvent angehörte. Abgesehen von der Sühnefunktion dieser Stiftung wollte die aufstrebende Adelsfamilie derer von Gundsrode sicherlich auch von dem wahrscheinlich bereits damals von Niedermittlau aus, für das ganze spätere Kirchenspielgebiet,  zuständigen Pfarrer oder Kaplan unabhängig werden. Dies ist die bislang einzige urkundlich gesicherte Erwähnung der Herren von Gundsrode im Zusammenhang mit der Gondsrother Kapelle. Das Adelsgeschlecht hat sich offenbar mangels Ausdehnungsmöglichkeiten schon früh von seinem namengebenden Ursprungsort  abgewandt und ist in den Diensten  des Mainzer Erzbischhof zu  Ansehen gelangt .

1238 wird die Gondsrother Kapelle ausdrücklich als Besitz des Klosters Selbold genannt, obwohl seit 1173 auch das Kloster Meerholz Rechte in Gondsroth hatte. Wie bereits erwähnt, gehörte Gondsroth etwa ab Mitte des 14. Jahrhundert zum Kirchenspiel Niedermittlau. Dies wird ab 1426 in Urkunden bezeugt. Die Gondsrother Kirche war möglicherweise St. Kilian geweiht, da die Gondsrother Kirchenrechnungen noch in evangelischer Zeit regelmäßige Sonderzuweisungen von drei Schillingen an die jeweils zuständigen Pfarrer enthalten, die nach altem Brauch am Kilianstag gezahlt wurden. Etwa ab 1534, im Auflösungsprozesses der Klöster Selbold und Meerholz, hielt mit Einführung der Isenburger Landesherrschaft die Reformation auch in Gondsroth Einzug. Der Gondsrother Kaplan Wilhelm Fink wird ab 1538 als evangelischer Pfarrer in Niedermittlau genannt, musste aber wegen schon von Pfarrer Wohlgemut beklagten schlechten Pfarrbehausung zunächst seinen Wohnsitz in Gondsroth behalten. Eine der Glocken wurde 1520 (Inschrift: peter. gereyszen. gosz. mich. 1520+ anna. sonat. fugito. fulmen. gelidenque prume+ tempetas. fileat. ventus. et. ipse. furens+), eine zweite 1774 (Inschrift: GOS. MICH. JOHANNES. SCHNEIDEWIND. ZU. FRANKFURT. ANNO. 1774) gegossen. 

Baumaßnahmen und Reparaturen werden für die Jahre 1646 (Turm), 1659 (Kircheninneres, Emporen), und 1717 (Gesamtbau) genannt. 1717 wurden zur Entlastung des Mauerwerks die schweren äußeren Eichenstiele und hölzerne Anker im Kirchenschiff eingezogen. Auch die seitliche Eingangstür ist auf 1717 datiert.

     

Nordansicht mit seitlicher Eingangstür, gut zu sehen die Abstützung mit den äußeren Eichenstielen. (Quelle: Bildarchiv Foto Marburg)      

Eine weitere Renovierung fand 1954 statt. In deren Rahmen entfernte man die Ostempore, versetzte die Orgel nach Westen und ersetzte die hölzernen Zuganker durch eiserne.

Innenansicht nach Osten um ca. 1880, mit hölzernen Zugankern , Ostempore und Orgel

(Quelle: Bildarchiv Foto Marburg)

Zum Vergleich: Innenansicht nach Osten 1988, nach der Renovierung 1954

(Quelle: Bildarchiv Foto Marburg)

1986 wurde der hölzerne Glockenstuhl im Turm gegen einen eisernen Nachfolger ausgetauscht.

Die Kirche selbst ist ein Kleinod unter den dörflichen Gotteshäusern im Gebiet der früheren Isenburgern Herrschaft. Sie hat sich Ihren Charme erhalten, der hauptsächlich aus der farblichen Gestaltung, der wohlproportionierten Innenausstattung , Empore, Kanzel, etc. resultiert.

Innenansicht Westen  1988 (Quelle: Bildarchiv Foto Marburg)

Auch äußerlich wirkt der Gesamtbau sehr ausgewogen.

Gesamtansicht 1988 von Westen (Quelle: Bildarchiv Foto Marburg)

Außergewöhnlich ist die durch das schwache Mauerwerk bedingte Abstützung des schweren Dachwerkes durch massive äußere Eichenstiele. Der Turm konnte während der letzten Gesamtrenovierung 1994 genau untersucht werden. Dabei überraschte die fast genaue Übereinstimmung der Ergebnisse der kunstgeschichtlichen und der naturwissenschaftlichen Datierungsmethoden. Ließ sich das spitzbogige Portal ohnehin der Spätgotik (in Deutschland 1350 bis ca. 1520) zuordnen, konnte durch den Vergleich mit ähnlichen Portalprofilen der Büdinger Marienkirche die mögliche Entstehungszeit genauer, d.h. der zweiten Hälfte dieser Stilepoche (1460 bis 1520) zugeordnet werden. Etwa 1476 wurde mit dem Bau der Marienkirche begonnen.

Portal um ca. 1880 (Quelle: Bildarchiv Foto Marburg)

Portal nach der Renovierung 1994

Der Gondsrother Turm  war, wie die dendrochronologischen Untersuchung ausgewählter Teile des Holzwerks des Helmes bewiesen, 1469 vollendet worden und somit muß dessen Portal älter als das der Büdinger Marienkirche sein. Ganz offensichtlich besteht eine stilistische Verbindung zwischen Gondsroth und Büdingen , eine Bestätigung der vorhandenen soziokulturellen Bindungen des Kirchenspielgebietes zur Grafschaft Isenburg - Büdingen. Der Turmhelm gehört einer im Mittelhessischen beheimaten und dort häufig vorkommenden Form an, der auch die Helme in Niedermittlau und Altenhaßlau zuzuordnen sind. Die solide und durchdachte Ausführung des spätmittelalterlichen Holzwers dokumentiert das Können und den hohen Stand der Zimmermannskunst dieser Zeit.

Farbliche Gestaltung dieses außergewöhnlichen Bauwerks

Quellenangaben:

Text aus der Festschrift zur 850-Jahr-Feier Gondsroth, Verfasser Hr. Rainer Peschelt

Schwarz/Weiß Fotos, Bildarchiv Foto Marburg

 

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