Das Kloster Selbold
Die kulturelle Keimzelle im Kinzigtal und der Wetterau
Im Jahre 1108 lebte der fromme Graf Dietmar von Selbold, der sich auch Graf von Gelnhausen nannte. Als ihm seine Frau Adelheid von Camburg-Wettin starb, fasste er den Entschluss, bei der Kirche in Selbold, die nach St. Johannes dem Täufer genannt war, für die Seelenruhe seiner verstorbenen Gemahlin und auch für die Vergebung seiner und seiner Angehörigen Sünden ein Kloster zu stiften. Weltanschauliches Motiv für die Klosterstiftung dürfte wohl auch die Eroberung von Jerusalem am 15.07.1099 im ersten Kreuzzug von 1096 - 1099 gewesen sein.

Graf Dietmar von Selbold-Gelnhausen (Ditmarus comes occius) und sein Weib Gräfin Adelheidals als Stifterfiguren im Dom zu Naumburg
Er
sandte als persönlichen Botschafter den Priester Rabenaldus
vom Orden der Augustiner nach Rom.
Der Papst
Paschalis II. bestätigte am 16.
Oktober 1108 seinen Plan und gab die Erlaubnis, in Selbold neben der erwähnten
Kirche regulierte Kanoniker, d. h. nach der Regel des Augustin lebende Chorherrn
anzusiedeln. Das waren jedoch keine Mönche (monachi) im strengen Sinne des
Wortes, sondern gemeinsam lebende Geistliche (canonici) die zuerst nur die
Regeln der Augustiner hielten, bald aber die noch strengeren Gesetze des Klosters
Premontré annahmen und deshalb Prämonstratenser
genannt wurden. Im Volksmunde hießen sie auch die „Weißen
Brüder“.
Das
Kloster stand in Selbold auf dem Hügel, der jetzt noch den Namen Klosterberg trägt.
Zu ihm gehörten später die Tochterklöster Meerholz und Konradsdorf,
die Kirchen und Kapellen in Gelnhausen, Mitlau, Gondsroth,
Neuenhaßlau, Roth, Lieblos, Niedergründau und anderwärts. Durch den Grafen
Dietmar und späterhin noch durch andere Stifter, auch durch Kauf und
Tausch erlangte das Kloster Güter und Berechtigungen in all diesen und noch
vielen anderen Orten. Auch legte es die Musterhöfe Baumwieserhof
(Bennewiesen), Bruderdiebacherhof
(Diepach) und Lindenloh (heute
Linnes) bei Selbold an. Bei der Abgrenzung des Gebietes zwischen dem Kloster und
seiner Tochtersiedlung Kloster Meerholz 1173
überließ Selbold alle Einkünfte der Klostergüter südlich der Kinzig und
auch von Orten nördlich dieses Flusses den Nonnen in Meerholz. Doch erwarb es
späterhin auch dort wieder eigenen Besitz. Aus einer Aufzeichnung des
Grundbesitzes von 1454 wird unter anderem auch die Mühle zu Gondsroth sowie 1
Haus, 1 Weinberg und 1 Acker in Gondsroth benannt. An der Spitze des Klosters stand bis
1343 ein Probst (praepositus). Erst
in diesem Jahre verlieh der Abt Johann
von Premontré dem
Kloster Selbold Titel und Rechte einer Abtei. Seit dieser Zeit trug der
Klostervorsteher den Namen Abt bis zur Auflösung des Klosters in der
Reformationszeit 1543.
Der Abt war der Vorsteher der gesamten Abtei. Meistens entstammte er den benachbarten Adelsfamilien, wie die bei uns überlieferten Namen von Selbolder Äbten beweisen, so z.B. Helfrich von Rückingen, Johann und Friedrich von Rüdigheim, Johann von Bleichenbach und Johannes Antel von Crotzenburg.

Grabplatte des Johannes Antel von Crotzenburg, 1505-1511 Abt im Kloster Selbold (Zeichnung von G. Schmidt)
Prior hieß
der Klosterälteste. Unter dieser Bezeichnung sind z. B. genannt Herbord, Rüdiger,
Konrad Herterich und Johann Olfer. Die Pröbste waren 1343
die eigentlichen Klostervorsteher, von da an aber nur noch Verwalter des
Selbolder Klosters und seiner Güter. Genannt sind u.a. Adelger, Gerberdo,
Werner und Hermann.
Die
Kanoniker, d.h. die nach der Regel (Kanon) lebenden Brüder schied man in
Kleriker, d.h. Geistliche und Laienbrüder. Die Geistlichen wurden in der
Selbolder Klosterschule ausgebildet und dann Pfarrer in den Kirchen und Kapläne
in den Kapellen der Abtei, so z. B. Ulrich in Niedergründau, Wigand in Selbold
und Konrad von Feuchtwangen in Gelnhausen.
Die
Laienbrüder waren je nach ihren Gaben Pförtner, Keller d.h. Verwalter, Köche,
Krankenpfleger, Schreiber, Bücherverwalter, Maler, Gärtner im Kloster und außerhalb
auf den Niederlassungen und Gütern, Verwalter, Bauern, Müller oder Hirten.
Die Kleidung der Prämonstratenser bestand aus dem Rock (Habit), Kragen (Koller), und Tuchüberwurf (Skapulier) in weißer Farbe. Um die Hüften schlangen sie einen Gürtel, der in zwei Enden herabfiel. Wolle und Leinen zur Kleidung lieferten die Klostergüter. Auf der Straße, besonders aber im Winter trugen sie einen weiten weißen Mantel und Kapuze und einen weißen Hut.
Die Nahrungsmittel bezogen sie zum Teil von ihren selbstbewirtschafteten Gütern. Von den auswärtigen Besitzungen aber lieferten die Pächter jährlich als Zins den Blut- und Fruchtzehnten. Ein erhaltenes Gültregister des Klosters vom Jahre 1370 (Reimer 3, Nr. 619) gewährt uns einen Einblick in seine reichen Einnahmen. Die Lebensweise der Brüder richtete sich hauptsächlich nach der Regel des heil. Augustin, d.h. den Klosterregeln, die nach dessen Lehren vom 8. Jahrhundert an zusammengestellt wurden, und deren Kapitel u.a. fordern: Einträchtiges Zusammenleben, Uebung und Demut und Gehorsam besonders gegen die Oberen und die Ordensregeln, fleißiges Beten zu bestimmten Zeiten, Pflege der Kranken, Keuschheit und Ehelosigkeit. Die Wirksamkeit der Selbolder Chorherren war sehr segensreich. Ihnen ist vor allem der Bau oder doch wenigstens die Erneuerung vieler Kirchen unserer Heimat zuzuschreiben, und zwar hatten sie eine Vorliebe für den Bau von Kirchen mit mehreren Türmen, die sie gern der heiligen Maria weihten (Marienkirche in Gelnhausen). Die Laienbrüder aber wirkten vorbildlich durch den Betrieb der oben erwähnten Musterhöfe.

Marienkirche
Gelnhausen
Später gaben sich die Insassen des Klosters einem üppigen Leben hin. Anstatt die Horen, d. h. die vorgeschriebenen Stundengebete zu singen, pflegten sie der Ruhe oder feierten große Gastmähler. Der Schirmvogt des Klosters, Graf Johann von Isenburg, überfiel im Jahre 1372 das Kloster mit Bewaffneten, bemächtigte sich aller Kostbarkeiten: der goldenen und silbernen Gefäße, der Teppiche, der Federbetten, des Weines und der Pferde. Zwar verklagte das Kloster den Missetäter bei Kaiser und Papst, und Johann v. Isenburg wurde auch verurteilt, den Raub herauszugeben, ja sogar in den Bann getan. Doch kehrte er sich nicht daran. Das Kloster war schwer geschädigt worden, und es hat sich seitdem nie wieder recht erholt. Der Bauernkrieg (1525) und die Reformation machten ihm dann völlig ein Ende. 1525 haben auf Grund gewalttätiger Übergriffe der Landbevölkerung Abt und Mönche das Kloster verlassen um sich in Gelnhausen, Büdingen oder sonst wo niedergelassen wobei sie weiterhin im Gottesdienst tätig waren.
Im Jahre 1543 wurden die entgültigen Abmachungen zur Auflösung des Kloster Selbold zu Papier gebracht und juristisch besiegelt. In den 435 Jahren des Bestehen des Konvent und Kloster wiederholten 16 Päpste die Anerkennung und Inschutzstellung des
Kloster Selbold
Nach G. Maldfeld (Gelnhäuser-Heimatjahrbuch)